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Tatort Deutschland: Mord, Betrug und eine geraubte Whiskeyflasche

Hannover 1986: Otto Helberg kommt am frühen Morgen von einer Party nach Hause. Vor seiner Haustür wird der junge Künstler von einem Unbekannten mit einem Messer attackiert und stirbt. Warum? Das Motiv ist der Polizei bis heute ein Rätsel. „Am wahrscheinlichsten ist es eine Spontantat“, liest die aktuell ermittelnde Kriminalbeamtin von einer Karteikarte ab. Aber: „Auch möglich ist eine Beziehungstat, ein Konflikt zwischen Otto Helberg und dem Täter, der schon bestanden hat und dann eskalierte.“ Denn Helberg, so die Polizistin, hatte „Liebschaften, auch mit verheirateten Frauen“. 

37 Jahre ist der Mord an Otto Helberg nun her und scheint damit ähnlich aus der Zeit gefallen wie das „True Crime“-Format „Aktenzeichen XY“. Wer die Darstellung des Falles sieht mit den 1980er-Jahre-Klamotten und den leicht angestaubten, hölzernen Dialogen, fühlt sich zurückversetzt in längst vergangene Jugenddisco-Tage. Doch hier geht es natürlich um Bitterernstes: Wer hat Helberg ermordet? Kleine Hinweise der Polizei: Der Mörder sei Rechtshänder, habe eine „kurze Zündschnur“ und sei deshalb vermutlich im Hannover der 1980er-Jahre auch schon anderswo durch impulsives, aggressives Verhalten aufgefallen. Wenn das mal keine Täterbeschreibung ist.

Säureattacke auf einen Senior 

Deutlich älter als Helberg ist das Opfer des zweiten Falls, dafür ist die Tat jüngeren Datums: Ein laut Cerne „aktive, lebensfrohe Rentner“ wird in seinem Haus nahe Berlin im Februar 2022 von einem vermeintlichen Paketboten an der Haustür angegriffen und mit Säure im Gesicht schwer verätzt. Der oder die Täter erbeutet Schmuck und Bargeld im Wert von gut 30 000 Euro. Was jedoch sehr viel schwerer wiegt: Der 72-Jährige leidet bis heute körperlich wie seelisch an den Folgen der Tat. 

Auch diesen Fall erzählt „Aktenzeichen XY“ gewohnt ausführlich bis langatmig, selbst an die im Februar 2022 üblichen Corona-Masken bei Täter, Polizei und Notärzten wurde gedacht. Einspieler wie diese sichern dem ZDF-Showtanker bis heute ein Millionenpublikum, schenken sie doch allen Nichtbetroffenen einen wohligen Schauer bei dem Gedanken, dass das Böse jederzeit an der Tür klingeln, dahinter lauern oder sich anderweitig Zutritt verschaffen könnte. Welche Wirkung dies auf Kinder und Jugendliche in den 1970er Jahren hatte, kann sich die „TikTok“-gestählte Generation Z heute gar nicht mehr vorstellen. Doch Armaden frühtraumatisierter Kinder gehen auf das Konto von Eduard „Ede“ Zimmermann und seiner Erfindung des verfilmten Verbrechens von nebenan.

Gefährliches Spiel mit Aberglauben, Angst und sexueller Anmache 

Aber der Mix aus Angst und Aufklärung kann auch Straftaten verhindern. Etwa, wenn Fälle wie die einer Bande russisch sprechender Trickbetrügerinnen an die Öffentlichkeit herangetragen werden.  Mindestens vier Mal haben sie älteren Frauen, die aus Russland und der Ukraine stammen, prophezeit, dass ihre Kinder verflucht seien und nur durch „gereinigtes“ Bargeld gerettet werden könnten. Eine 65-Jährige verlor auf diese Weise rund 90 000 Euro. 

Seine Gutgläubigkeit wurde auch einem Pensionär aus Bielefeld im März 2022 zum Verhängnis: Der homosexuelle Mann lernte auf einer Dating-Plattform „luca9898“ kennen und verabredete sich mit ihm für ein Realtreffen. Bei einer Massage versuchte „Luca“ dann, den Rentner zu fesseln, er verletzte diesen schwer und entkam mit einer Flasche Whiskey sowie dem Handy des Pensionärs. „Wir gehen davon aus, dass der Täter von Anfang an eine Raubabsicht hatte“, konstatiert der ermittelnde Kriminalhauptkommissar in schönstem Beamtendeutsch. Außerdem vermutet er, dass „luca9898“ auch bei anderen Dates „gleich gelagert agiert hat.”

Zufallsfund im Fall einer ermordeten jungen Mutter 

Besonders tragisch ist diesmal der Fall der 1990 in der Nähe von Nürnberg ermordeten 22-jährigen Claudia Obermeier: Sie wurde auf dem Heimweg vergewaltigt und ermordet. 2021 werden Kleidungsstücke der jungen Mutter noch einmal untersucht und DNA-Spuren gefunden, die identisch sind mit denen, die man 2012 bei einem Einbruch sicherstellen konnte. Ein Spur-Spur-Treffer heißt so etwas offenbar im Polizei-Jargon. Kann der Mörder von Claudia Obermeier doch noch gefasst werden? Für ihre Familie würde das die Welt zwar nicht mehr heil machen, aber doch einiges wieder zurechtrücken. Mord verjährt bekanntlich nicht. Und „Aktenzeichen XY … ungelöst“ lässt ja zum Glück nicht locker. 

Am Ende des Abends gibt es unter anderem zwei Hinweise zum Fall Otto Helberg: Ein Anrufer will einen Mann kennen, auf den die genannten Merkmale – Rechtshänder, kurze Zündschnur – zutreffen. Und ein Taxifahrer hat gemeldet, er habe am Tatabend einen Mann zur Tatzeit zum Tatort in Hannover-Linden gefahren. Dass der Chauffeur das 37 Jahre später noch so genau weiß, verblüfft. Rudi Cerne aber hält es für „sehr interessant”.




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